Dr. Roman Rusch

WDR-Studie: Konstruktiver Fernseh-Journalismus

Was bewirkt konstruktiver Fernseh-Journalismus? Dieser Frage gingen Dr. Roman Rusch und Kollegen im Auftrag des WDR nach – wie die Studie ablief und zu welchen Ergebnissen sie kam, erzählt er im Interview.

Dr. Rusch, das Thema des Konstruktiven bzw. Lösungsorientierten Journalismus liegt Ihnen seit Jahren am Herzen; Sie sind dazu auch bei uns als Trainer im Einsatz. Was fasziniert Sie so an dem Thema?

Dr. Roman Rusch: Ich persönlich finde: Konstruktiver Journalismus weitet den eigenen journalistischen Blick und macht schlau. Wenn ich konstruktiv Themen recherchiere, muss ich das ganzheitlich tun: Die Zusammenhänge verstehen, das Problem und Kausalitäten genau benennen können. Eine manchmal ziemlich mühselige Sache. Aber erst dann habe ich genug Wissen, um mir im Anschluss eine weitere wichtige Frage zu stellen, die sich – glaube ich – auch viele unserer User*innen und Zuschauer*innen häufig nach Beiträgen von uns stellen: „Was mache ich denn jetzt damit?“ Oder kürzer: „Und nun?“. Der Konstruktive Journalismus zwingt mich dazu, diese Frage immer mitzudenken. Und die Antworten, die ich finde, kann ich dann mit journalistischem Know-how unheimlich vielfältig aufbereiten: Sei es durch eine verfilmte Recherche, durch das Präsentieren von Alternativen oder Lösungen – oder dadurch, dass ich wichtige Stakeholder*innen für das Problem an einen Tisch bringe. Insofern ist Konstruktiver Journalismus für mich enorm abwechslungsreich – und ein starkes Plädoyer für Qualitätsjournalismus.  

Darüber hinaus habe ich sehr schnell bei den eigenen ersten Schritten im Konstruktiven Journalismus so um 2014 rum gemerkt: Der kommt gerade bei den jüngeren Zuschauer- und User-Gruppen extrem gut an, selbst, wenn die Themen super abstrakt und sperrig sind. Der ist also auch ein Quoten-Bringer und erzeugt Widerhall in den Communities. Mit anderen Worten: Konstruktiver Journalismus ist eine Riesenchance gerade für uns öffentlich-rechtliche Medien in einer konvergierten Medienwelt. 

Sie haben kürzlich eine Studie zum Konstruktiven Journalismus durchgeführt und Anfang dieses Jahres die Ergebnisse veröffentlicht. Wie kam die Studie zustande und wie sind Sie vorgegangen?

Dr. Roman Rusch: Die Studie hat der WDR in Auftrag gegeben und finanziert. WDR Fernsehdirektor Jörg Schönenborn hatte schon vor einiger Zeit die Idee, eine konstruktive Arbeitsgruppe im WDR einzusetzen. Die durfte ich mit etwas Input unterstützen, weil ich schon zuvor zu dem Thema geforscht und Veröffentlichungen gemacht hatte. Die Arbeitsgruppe unter Leitung meines WDR-Kollegen Detlef Flintz hat dann in Zusammenarbeit mit der WDR Medienforschung eine ziemlich aufwändige Online-Studie zum Thema designed – quasi-experimentell, wie es im Forschersprech heißt.

Uns hat interessiert, ob sich die großen Hoffnungen, die ja viele mit dem Konstruktiven Journalismus verbinden, auch mit harten Fakten belegen lassen. Um das herauszufinden, hat die Studie in unabhängigen Stichproben von jeweils 160 Personen aus unterschiedlichen Altersgruppen die emotionalen Wirkungen und qualitativen Bewertungen für jeweils drei Fernseh-Beitragsthemen erhoben. Dabei ging es um so unterschiedliche Themen wie den persönlichen Zuckerverbrauch, den immer mehr werdenden Plastikmüll und das umstrittene Kükenschreddern in der Landwirtschaft. Zu jedem dieser Themen gab es drei verschiedene Filmvarianten: Eine ohne Lösungsvorschlag für das jeweilige Problem im Film, dann eine mit, bei der der Zuschauer die Lösung selbst in seinem Alltag realisieren konnte – und zu guter Letzt eine mit einer Lösung, bei der noch Zwischenschritte erforderlich waren, die die Zuschauer*innen nicht in der Hand hatten – zum Beispiel eine gesetzliche Verpflichtung oder ein gesetzliches Verbot. 

Und zu all diesen Varianten wurden die Probanden nach dem Zufallsprinzip qualitativ im Online-Fragebogen befragt. Das war aber noch nicht alles. Da wir auch an den echten Emotionen der Leute interessiert waren und man die mit einem Fragebogen nicht gut messen kann, haben die Kollegen zusätzlich noch einen so genannten Impliziten Assoziationstest gemacht. Ganz einfach gesagt läuft der so ab, dass die Leute Emotionen genannt bekommen und dann durch Tastendruck signalisieren, ob und wie stark sie die Emotion wahrgenommen haben. Tatsächlich kann man über die Reaktionszeit auf eine Emotion recht gute Kenntnisse darüber gewinnen, wie stark ein Stimulus mit der jeweiligen Emotion assoziiert wird.

Waren die Ergebnisse der Studie überraschend für Sie?

Dr. Roman Rusch: Zum Teil schon. Dass konstruktive Stücke eher Hoffnung machen und positive Emotionen wecken, hatte ich erwartet. Auch, dass die negativen Emotionen wie Trauer, Angst, Verachtung und Ratlosigkeit geringer sind, als bei „klassischen“, eher forensischen und destruktiven Beiträgen. Die Studie hat das nun zum ersten Mal auch für TV-Beiträge bewiesen. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei Beiträgen mit einer individuellen Lösung. Allerdings hätte ich gedacht, dass Konstruktive Beiträge auch noch stärker zum Umgestalten und Mitmachen anregen. Dafür konnten wir aber keine Hinweise finden. Oder mit anderen Worten: Etwas gut zu finden ist überhaupt kein Garant für eine Verhaltensänderung.

Was ich auch interessant finde ist, dass viele Zuschauer*innen die kritische, forensische Berichterstattung glaubwürdiger finden, als Beiträge, die eine konstruktive Perspektive ausloten. Aus all dem kann man jetzt eine Menge an weiteren Hypothesen ableiten, wenn es um die konkrete Dramaturgie und Gestaltung von Beiträgen geht. Und das ist ja letztlich das, was wir Redakteur*innen für unsere Redaktionsarbeit brauchen.

Die Studie „The Impact of Constructive Television Journalism on the Audience: Results from an Online Study” finden Sie hier.

Martina Lenk

Matthias Harder
Fachgebiets­leitung Journalistische Kompetenzen und Volontärsausbildung
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